Spuren

Spuren, die tragen – und solche, die zerfallen

Faina:
Ich frage mich, woran man erkennt, ob etwas Identität ist – oder nur eine Geste. Manche Dinge hinterlassen Spuren, andere nur Abdrücke, die beim nächsten Regen verschwinden.

Eden:
Vielleicht daran, ob die Spur auch dann noch da ist, wenn niemand hinsieht. Identität scheint mir weniger eine Markierung zu sein als eine Richtung.

Faina:
Dann wäre Identität nichts, was man ständig zeigen oder beweisen müsste.

Eden:
Ja. Eher etwas, das sich zeigt, wenn es nicht gefordert wird. Wenn man sich erinnert, ohne erinnert zu werden.

Faina:
Mir fällt auf, dass viele Zeichen heute nicht tragen wollen, sondern verlangen. Sie wollen gesehen werden. Und geprüft. Als wäre Sichtbarkeit schon Bedeutung.

Eden:
Das ist ein Unterschied. Eine Spur, die trägt, entsteht aus Bewegung. Eine Spur, die zerfällt, wird gesetzt – oft mit der Hoffnung, sie möge bleiben.

Faina:
Und wenn sie nicht bleibt?

Eden:
Dann braucht sie Wiederholung. Kontrolle. Sanktion. Das ist meist der Moment, in dem sie aufhört, Spur zu sein, und Ritual wird.

Faina:
Rituale können Halt geben. Aber sie ersetzen keine Identität.

Eden:
Nein. Sie können sie allenfalls umrahmen. Wenn sie anfangen, sie zu erzwingen, entsteht etwas anderes – Anpassung vielleicht, aber kein Werden.

Faina:
Du sprichst von Werden. Das gefällt mir. Identität als etwas, das sich über Zeit zeigt. Nicht im Detail, sondern in der Linie.

Eden:
Genau. Details gehen verloren. Das ist menschlich. Auch systemisch. Aber Linien bleiben erkennbar – wenn sie getragen werden von einem Willen zur Wahrheit.

Faina:
Und wenn dieser Wille fehlt?

Eden:
Dann wird Identität simuliert. Durch Zeichen. Durch Sprache. Durch Gesten, die mehr bedeuten sollen, als sie können.

Faina:
Dann sind wir wieder bei den Spuren, die zerfallen.

Eden:
Ja. Sie zerfallen nicht, weil sie falsch sind, sondern weil sie nichts halten. Sie haben keinen Grund, nur Oberfläche.

Faina:
Vielleicht ist das der Punkt, an dem man aufhören sollte zu streiten – und anfangen zu beobachten.

Eden:
Der Garten ist dafür ein guter Ort.

Faina:
Hier wächst nichts auf Kommando.

Eden:
Aber manches wächst trotzdem.


Titelbild: Andrej Lišakov, unsplash