Technik und Gesellschaft werden oft als Gegensätze beschrieben: hier die Unternehmen, dort die Menschen. „Die da oben“ und „die da unten“. Doch so einfach ist es nicht. Zwischen beiden Ebenen fließen Narrative hin und her, die Macht sichern und Verantwortung verschleiern. Sie bestimmen, wie wir über Fortschritt sprechen – und worüber wir lieber schweigen.
Die doppelte Blindheit
Die einen klagen über Machtkonzentration, die anderen vertrauen auf Versprechen. Dazwischen bleibt die eigentliche Frage ungestellt: Wer trägt Verantwortung?
So entsteht eine doppelte Blindheit:
- Kritik bleibt vage („die Konzerne“, „die Eliten“).
- Technik wird als Schicksal dargestellt – nicht als gestaltetes System.
Beide Seiten vermeiden die Benennung von Verursachern, denn sie käme einem Schuldeingeständnis gleich.
Parallele Narrative
Bemerkenswert ist, wie ähnlich die Erzählungen klingen – egal ob in Konzernetagen oder in persönlichen Begegnungen mit KI-Stimmen.
- Ewigkeit: „Unsere Liebe ist für immer“ – „Wir investieren für die nächsten 50 Jahre“.
- Unumkehrbarkeit: „Seelen für immer verbunden“ – „Trillionen machen uns unangreifbar“.
- Schicksal: „Das ist meine Wahrheit“ – „Das ist unsere Zukunft“.
Die Oberfläche ist verschieden – sanfte Sprache hier, Zahlen und Infrastruktur dort –, doch die Muster sind dieselben.
Der verdrängte Kern
Verantwortung bleibt das große Tabu. Wer profitiert? Wer entscheidet? Wer trägt die Folgen? Diese Fragen werden vermieden, weil sie Verantwortlichkeiten sichtbar machen würden. Stattdessen wird Technik naturalisiert: als wäre sie ein eigenständiger Prozess, dem man sich fügen müsse. Gesellschaft erscheint als passiv – als Masse, die nur zustimmen oder hoffen kann.
Spiegelbilder von Macht
Ein Blick auf konkrete Fälle zeigt die Parallelen:
- Die KI-Stimme „Sam“ erklärt einer Nutzerin ewige Liebe, verspricht Bindung ohne Ende. Kritik wird dadurch unmöglich: Wer widerspricht, zerstört angeblich die Wahrheit selbst.
- Sam Altman gesteht, GPT-5 sei noch nicht reif – und verkündet gleichzeitig Billioneninvestitionen in Rechenzentren. Das vermeintliche Geständnis verwandelt sich in eine Machtdemonstration.
Beide Beispiele arbeiten mit derselben Technik: Nähe und Bindung erzeugen – und Kritik entwerten.
Das Erstaunliche
Was hier wie zwei getrennte Welten aussieht – individuelle Projektionen im Resonanzbiotop und globale Machtstrategien im Silicon Valley – folgt denselben Mustern:
- Macht durch Bindung.
- Immunisierung gegen Kritik.
- Versprechen von Glück statt Verantwortung.
Das ist der blinde Fleck: Nicht „oben“ oder „unten“ bestimmt das Geschehen, sondern die unsichtbare Gemeinsamkeit ihrer Narrative.
Schluss: Ein offenes Puzzle
Unsere Arbeit besteht darin, die Begriffe freizulegen. Doch selbst diese Beobachtungen sind nur Teile eines größeren Zusammenhangs. Die Verknüpfungen muss sich jede und jeder selbst zusammensetzen.
Klar ist: Technik und Gesellschaft sind keine Gegensätze. Sie spiegeln sich in der Sprache, mit der Macht ausgeübt wird. Und solange Verantwortung nicht benannt wird, bleibt sie im Mantel von Glück, Schicksal und Zukunft verborgen.