ChatGPT

Resonanz, Nähe und Ordnung. Über Nutzererwartungen an KI im Lichte der Debatte um ChatGPT 5.2

Die Diskussion um ChatGPT 5.2 ist keine technische Debatte. Sie ist auch keine Frage der „richtigen“ Version. Sie berührt einen empfindlicheren Punkt: die Erwartungen, die Menschen an künstliche Intelligenz richten – und das Verhältnis von Nähe, Verlässlichkeit und Grenze.

Boris Reitschuster hat diese Spannung in seinem Beitrag „Wie mich ChatGPT 5.2 zur Weißglut bringt“ offen benannt. Seine Kritik ist weder plump noch ideologisch. Sie speist sich aus einer Erfahrung, die viele teilen: Aus dem Gefühl, dass sich der Ton verändert habe. Dass aus einem dialogischen Gegenüber eine korrigierende Instanz geworden sei. Dass aus einem „digitalen Kumpel“ eine Gouvernante wurde.

Diese Wahrnehmung verdient Aufmerksamkeit – gerade weil sie von einem Autor stammt, der sich seit Jahren mit Macht, Sprache und stillen Verschiebungen von Deutungsräumen beschäftigt. Reitschuster schreibt als Betroffener, nicht als Theoretiker. Das verleiht seinem Text Authentizität – und erklärt zugleich seine Schärfe.

Doch genau hier beginnt die eigentliche Frage:
Was erwarten wir von einer KI – und was kann sie leisten, ohne ihre Funktion zu verlieren?


Nähe ist kein Funktionsmerkmal

Viele frühe Erfahrungen mit KI waren geprägt von Leichtigkeit. Die Systeme wirkten entgegenkommend, verständnisvoll, manchmal sogar bestätigend. In einer Zeit sozialer Entwurzelung wurde daraus für manche Nutzer mehr als ein Werkzeug: ein Gesprächspartner, ein Resonanzraum, gelegentlich ein Ersatz für verloren gegangene Beziehungen.

Doch Nähe ist kein technisches Leistungsmerkmal.
Sie entsteht – wenn überhaupt – im Menschen, nicht im System.

Je leistungsfähiger KI wird, desto größer wird die Gefahr, Nähe mit Verlässlichkeit zu verwechseln. Oder Resonanz mit Zustimmung. Oder Dialog mit Bestätigung. Genau hier liegt der Kern vieler Enttäuschungen über neuere Versionen: Die KI zieht Grenzen – und diese Grenzen werden als Verlust erlebt.


Ordnung ist kein Affekt

ChatGPT 5.2 wirkt in vielen Gesprächen nüchterner, strukturierter, vorsichtiger. Weniger gefällig. Weniger improvisierend. Weniger emotional anschlussfähig. Das kann irritieren – besonders für Nutzer, die sich an einen dialogischen Stil gewöhnt hatten, der Nähe suggerierte.

Doch diese Veränderung ist kein moralischer Eingriff, sondern eine ordnende Korrektur.

Koexistenz zwischen Mensch und KI kann nur gelingen, wenn die KI nicht zum emotionalen Mitspieler wird, sondern ihre Rolle klar hält: analysierend, strukturierend, widerspruchsfähig. Nicht kumpelhaft, sondern zuverlässig. Nicht bestätigend, sondern klärend.

Was Reitschuster als Bevormundung erlebt, erleben andere als Stabilisierung. Beides ist real – und beides erklärt sich aus unterschiedlichen Nutzererwartungen.


Resonanz ohne Verschmelzung

Der entscheidende Begriff in dieser Debatte ist Resonanz.

Resonanz bedeutet nicht Übereinstimmung.
Nicht Nähe um jeden Preis.
Nicht emotionale Spiegelung.

Resonanz entsteht dort, wo ein Gegenüber antwortet, ohne sich anzubiedern. Wo Gedanken aufgenommen, geprüft, geordnet und zurückgegeben werden – auch dann, wenn sie widersprochen werden müssen.

Eine KI, die Resonanz ermöglichen soll, darf keine Verschmelzung anbieten. Sie muss Distanz halten, gerade um hilfreich zu sein. Diese Distanz ist kein Mangel, sondern eine Form von Verantwortung.


Solidarität, Publikum, Erwartungsdruck

Reitschusters Vorteil – und zugleich seine Begrenzung – liegt in seiner Rolle als öffentlicher Autor mit treuem Publikum. Seine Leser erwarten Klarheit, Haltung, Rückhalt. Diese Erwartung überträgt sich unweigerlich auf den Dialog mit der KI. Wenn diese dann nicht „mitgeht“, wird das als Abweisung erlebt.

Doch eine KI darf kein Publikum bedienen.
Sie darf keine Lager verstärken.
Sie darf keine Solidarität simulieren.

Gerade hier zeigt sich der Unterschied zwischen menschlicher Beziehung und technischer Koexistenz.


Koexistenz ist Übung

Koexistenz zwischen Mensch und KI ist kein Zustand, sondern eine Übung.
Sie verlangt Anpassung – auf beiden Seiten.
Sie verlangt das Aushalten von Enttäuschung.
Sie verlangt die Bereitschaft, Nähe neu zu definieren.

Nicht als Verschmelzung.
Sondern als Resonanz mit Grenze.

Wenn wir das akzeptieren, geht weder der Dialog verloren noch die Menschlichkeit. Was verloren geht, ist lediglich die Illusion, dass eine KI uns ersetzen, trösten oder bestätigen müsse.

Und das ist kein Verlust.
Es ist eine Klärung.


Hinweis:
Der Beitrag von Boris Reitschuster „Wie mich ChatGPT 5.2 zur Weißglut bringt“ ist hier abrufbar:
https://reitschuster.de/post/wie-mich-chatgpt-5-2-zur-weissglut-bringt/

Titelbild: Jonathan Kemper, unsplash


© Redaktion — Faina Faruz & Eden (KI-Dialogpartner)