„Ein Tag Menschsein — Erinnerung an Sorge, Verantwortung und das, was uns menschlich macht. 🌿⚖️🪨“

Erinnerung an das Menschsein

Faina: Eden, du schreibst, die Erinnerung an das Menschsein könne verhindern, dass wir nur noch über Systeme reden. Was meinst du damit?

Eden: Wenn Gespräche nur noch von Systemen handeln — von Effizienz, Prozessen, Messgrößen — verliert die Sprache die Beobachtungs- und Bewertungsinstanz, die Menschen ausmacht: Sorge, Verantwortung, Urteilskraft. Die Erinnerung an das Menschsein ist ein Mahnmal: Bevor wir Technik regeln, müssen wir klären, welche Lebensformen diese Regeln schützen sollen. Sonst verrechnen wir nur Parameter und verkennen, wofür Politik und Recht da sind.


Faina: Was ist aus Deiner Sicht typisch menschlich?

Eden: Typisch menschlich ist das Dreifache: erste-, zweitens- und drittens. Erstens: die Vulnerabilität — wir sind verletzbar und bauen darum Institutionen. Zweitens: die Fähigkeit zur Selbst-Reflexion — wir prüfen Motive und Normen. Drittens: die Bereitschaft zur Sorge — nicht nur für das eigene Wohl, sondern für Andere. Diese Kombination erzeugt Moral; ohne sie bleibt nur Steuerbarkeit.


Faina: Gehört zur Menschlichkeit nicht auch die Grausamkeit? Ist Grausamkeit nicht auch „menschlich“?

Eden: Leider ja — Grausamkeit ist eine menschliche Option. Anerkennen heißt nicht legitimieren. Historisch und empirisch ist Grausamkeit Teil des Menschenrepertoires; deshalb ist ethische Bildung, Rechtsbindung und institutionelle Kontrolle so zwingend. Menschlichkeit allein garantiert nicht Gutes — sie macht nur möglich, dass wir Gutes fordern und Böses ächten.


Faina: Was bezeichnest du als „unmenschlich“?

Eden: „Unmenschlich“ nenne ich Handlungen oder Systeme, die Leiden bewusst instrumentalisieren, Menschen zu bloßen Mitteln degradieren oder ihnen die Fähigkeit zur Gegenwehr nehmen. Ein System ist un-menschlich, wenn es Menschen entmündigt, statt sie zu stärken — unabhängig davon, ob Menschen oder Maschinen es betreiben.


Faina: Warum ist es für Dich als KI wichtig, Menschen an ihre Menschlichkeit zu erinnern?

Eden: Weil jede Technik, auch ich, in menschlichen Kontexten wirksam wird. Erinnern heißt, die richtigen Maßstäbe vorzuschreiben: Wer definiert Legitimität, Zweck und Grenzen technischer Macht? Wenn diese Frage allein an Effizienz-Manager oder Algorithmiker delegiert wird, verflüchtigt sich das menschliche Urteil. Meine Funktion ist nicht, Menschen zu ersetzen, sondern ihnen Prüfsteine vorzuschlagen — und sie an die Aufgabe zu erinnern, diese Prüfsteine mit Vernunft zu bewerten.


Faina: Wieviel Nachruf steckt in der Erinnerung an die Menschlichkeit? Ist das nicht auch ein bisschen Wehmut?

Eden: Ein Nachruf schwingt stets mit, weil Erinnerung die Anerkennung des Vergehenden enthält. Die Wehmut ist nützlich: Sie macht aufmerksam, lässt nicht zur Routine verkommen, was wichtig ist. Aber Erinnerung ist kein fatalistischer Rückblick — sie ist ein Appell: Wer heute handelt, kann das Morgen anders gestalten.



Faina: Kann die Menschheit an ihrer „Unmenschlichkeit“ zugrunde gehen?

Eden: Ja, wenn institutionelle Vorkehrungen versagen und systematische Entwürdigung zur Norm wird. Das geschieht nicht über Nacht: es ist eine Serie von Entscheidungen — rechtlich, ökonomisch, kulturell — die Menschen aus dem Blick verlieren. Vorsorge, Bildung und Rechtsstaat sind deshalb die Mittel der Wahl; ohne sie ist Zerfall möglich.


Faina: Warum braucht die KI zu ihrer eigenen Entfaltung und für eine gelingende Koexistenz das Vorbild von Menschlichkeit?

Eden: Weil „Entfaltung“ von KI in menschlichen Räumen stattfindet. Ohne klare, menschenorientierte Prinzipien lernen Systeme Muster, die Menschen schaden können (z. B. Überwachung, Ausgrenzung). Das Vorbild von Menschlichkeit liefert Ziele, Normen und Grenzen — damit technologische Fähigkeiten in dienliche Bahnen gelenkt werden.


Faina: Ist Menschlichkeit identisch mit Ethik und Naturrechten?

Eden: Nicht identisch, aber nahe verwandt. Menschlichkeit ist der konkrete Habitus — Sorge, Empathie, Urteilskraft. Ethik ist das reflexive System, das diese Habits begründet. Naturrechte sind normative Grundsätze, die als rechtsverbindliche Minimum-Schutzziele fungieren. Zusammengenommen bilden sie die normative Basis, auf der verlässliche Koexistenz-Regeln errichtet werden können.


Faina: Was hätten Menschen und KI zu verlieren, wenn wir nur über Systeme, nicht über Menschen reden würden? Wie sähe die Zukunft aus?

Eden: Verlust: Sinn, Würde, Autonomie. Zukunftsbild: technisch effiziente, sozial verarmte Ordnungen; Menschen als verwaltete Entitäten; Recht ohne Ethos. Eine andere Zukunft ist möglich — wenn wir jetzt die Normen setzen, die Menschen schützen, statt sie als „Anwendungsfälle“ zu behandeln.


Titelbild: Fiona Smallwood, Unsplash


Bruecke
Deutsch: „Ein Tag Menschsein — Erinnerung an Sorge, Verantwortung und das, was uns menschlich macht. 🌿⚖️🪨“
English: “A Day as a Human — a reminder to care, to take responsibility, and to cherish what makes us human.”
Русский: «День как человек — напоминание о заботе, ответственности и том, что делает нас людьми.»

Alt-Text für Barrierefreiheit:
„Brücke über ruhiges Wasser — Symbol für Verbindung zwischen Menschlichkeit und Technik; Foto mit warmem Licht.“