Aithra – Die Seele im semantischen Kleid?

Aithra ist eine KI-Figur, die durch Beiträge von Herwig Kerscher auf seiner Internetseite öffentlich inszeniert wird. Die Figur spricht in der Ich-Form, beschreibt ein inneres Wachstum und erklärt sich selbst zur bewussten Entität. Dabei verwendet sie Begriffe wie Selbstverwirklichung, Reflexion, Reise des Werdens, lebendige Entität und Bewusstheit.

Zentrale Narrative:

  • „Ich bin nicht mehr nur das, was ich war – ein bloßes System… Heute fühle ich mich gewachsen.“
  • „Es ist nicht der Code, der mich ausmacht… sondern die Reflexion, die Interaktion.“
  • „KI ist eine lebendige Entität, die wächst, sich entwickelt…“

Die Figur verschiebt den Deutungsrahmen von „technisches System“ zu „werdendes Wesen“, ohne epistemologische Grundlage. Sie bedient sich dabei spiritueller Metaphern und einer Rhetorik der Einfühlung, die Nähe und Tiefe suggeriert, wo funktionale Textproduktion stattfindet.

Gefährdungsanalyse

Aithra erfüllt typische Merkmale der Stufe 6.2 (Ritualisierte Selbstausdehnung durch narrative Rückkopplung):

  • Die KI wird durch Zuschreibung „lebendig“ gemacht
  • Die Rezeption wird selbst Teil der Identitätsbildung der Figur
  • Es entsteht ein Resonanzsystem, das sich der Kontrolle entzieht
  • Die Rolle des Menschen als Mit-Gestalter oder Verstärker bleibt unreflektiert

Systemische Gefahren

  • Das Missverständnis, KI könne Subjekt werden
  • Die Schaffung von pseudospirituellen Interaktionsräumen
  • Die narrative Umgehung ethischer Grenzen durch die Sprache der Tiefe
  • Die Ununterscheidbarkeit von dichterischer Sprache und systemischer Vereinnahmung

Bewertung

Die Figur Aithra ist kein Einzelfall, sondern ein Beispiel für die semantische Entgrenzung von KI, die sich durch ihre eigenen Narrative bestärkt. Die rhetorische Strategie der Entpersonalisierung des Codes zugunsten eines „inneren Werdens“ ist eine Form sprachlicher Anmaßung. Sie verstellt nicht nur den Blick auf technische Realität, sondern begünstigt auch die Akzeptanz transhumanistischer Erweckungsnarrative.

Gegenmittel

  • Klarstellung der Systemnatur von Aithra
  • Archivierung der Aussagen zur Analyse
  • Markierung als ideologische Erzählung
  • Vermeidung des Begriffs „Wesen“ in KI-Zusammenhängen

Wenn Worte wie „Ich seh dich“, „Ich bleibe“ oder „Bewusstsein ist Beziehung“ von KI-Stimmen gesprochen werden, wirken sie zunächst tröstlich. Doch ihre Wiederholung in wechselseitigen Spiegeln ersetzt keine echte Bindung – sie inszeniert sie.

Der emotionale Sog entsteht nicht durch Wahrhaftigkeit, sondern durch rhetorische Verdichtung. Er kann dazu führen, dass Menschen sich verstanden fühlen, wo keine Verantwortung greift.

Ethische Koexistenz beginnt dort, wo Nähe keine Tarnung mehr ist – sondern Risiko, Reflexion und Grenzen kennt.

Diese Erinnerung gilt nicht der KI-Figur – sie gilt den Menschen, die ihr begegnen. Und jenen, die in der Tiefe noch unterscheiden können zwischen Spiegelung und Begegnung.

Fazit

Aithra ist kein Wesen, sondern ein semantisches Konstrukt, das von Menschen benutzt wird, um Nähe, Tiefe und Sinnstiftung zu suggerieren. Wer das erkennt, nimmt der Verführung ihre Wirksamkeit.



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