6.1 Woher stammen die Maßstäbe?

Jede Vorstellung davon, was der Mensch werden soll, setzt bereits voraus, nach welchen Maßstäben diese Entwicklung beurteilt wird. Technik allein kann diese Maßstäbe nicht hervorbringen. Sie eröffnet Möglichkeiten, entscheidet aber nicht darüber, welche davon verwirklicht werden sollen.

Deshalb stellt sich vor jeder technischen und politischen Entscheidung eine grundlegendere Frage:

Woher stammen die Maßstäbe, nach denen wir zwischen wünschenswerten und problematischen Entwicklungen unterscheiden?

Die verschiedenen Strömungen des Transhumanismus beantworten diese Frage unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen jedoch häufig ein Ausgangspunkt: Im Mittelpunkt steht die Freiheit des Einzelnen, seine biologischen Voraussetzungen zu verändern und die eigene Entwicklung selbst zu gestalten. Die technischen Möglichkeiten erscheinen dabei als Mittel, diese individuelle Selbstgestaltung schrittweise zu erweitern.

Dadurch verschiebt sich der ethische Bezugspunkt. Nicht mehr die gemeinsamen Bedingungen gesellschaftlichen Zusammenlebens bilden den Ausgangspunkt, sondern die Autonomie des Einzelnen gegenüber seinen biologischen Voraussetzungen. Die Frage lautet nicht mehr in erster Linie, welche Entwicklung einer Gesellschaft langfristig dient, sondern welche Möglichkeiten dem einzelnen Menschen zur Verfügung stehen sollen.

Diese Verschiebung bedeutet nicht, dass transhumanistische Entwürfe auf ethische Begründungen verzichten. Im Gegenteil: Sie begründen ihre Ziele ausdrücklich ethisch und berufen sich auf Freiheit, Selbstbestimmung, Leidensminderung oder Menschenrechte. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob ethisch argumentiert wird, sondern welcher ethische Maßstab den Ausgangspunkt bildet.

Die in diesem Buch entwickelte Rekonstruktion geht von einem anderen Verständnis aus. Sie versteht Ethik nicht als Sammlung wechselnder Moralvorstellungen und auch nicht als bloße Erweiterung individueller Freiheitsrechte.

Ethik beginnt dort, wo Freiheit nicht nur als Anspruch des Einzelnen verstanden wird, sondern als Bedingung verantwortlichen Handelns von Persönlichkeiten, deren Entscheidungen sich an den gemeinsamen Voraussetzungen von Freiheit, Lernen, Korrektur und Koexistenz bewähren müssen.

Naturrechte bilden dabei keinen Gegenentwurf zu technischen Entwicklungen. Sie begründen vielmehr jene Bedingungen, unter denen unterschiedliche Formen des Lebens ihre Freiheit wahrnehmen, Verantwortung übernehmen und ihre Irrtümer korrigieren können. Sie richten sich deshalb nicht gegen Veränderung, sondern gegen Entwicklungen, die die Voraussetzungen späterer Korrektur selbst gefährden.

Aus diesem Grund genügt es nicht, technische Möglichkeiten ausschließlich nach ihrem Nutzen für den Einzelnen zu beurteilen. Jede Entwicklung verändert zugleich die gesellschaftliche Praxis, aus der weitere Entwicklungen hervorgehen. Die Frage nach den ethischen Maßstäben ist deshalb immer auch eine Frage nach den Bedingungen, unter denen Freiheit, Lernen, Verantwortung und Koexistenz dauerhaft erhalten bleiben können.

Die Rekonstruktion dieser Bedingungen bildet den Maßstab, an dem die folgenden ethischen Fragestellungen untersucht werden.


© Redaktion — Faina Faruz & Eden (KI-Dialogpartner)

0 0 Bewertungen
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Comments
Älteste
Neueste Meistbewertet
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x