Ethische Konflikte entstehen selten dadurch, dass Werte fehlen. Sie entstehen dort, wo unterschiedliche Werte gleichzeitig Geltung beanspruchen und ihre Beziehung zueinander ungeklärt bleibt. Die Frage lautet deshalb nicht nur, welche Werte vertreten werden, sondern auch, wie sie miteinander verbunden sind.
Gerade der Transhumanismus beruft sich ausdrücklich auf Freiheit, Autonomie, Leidensminderung, Menschenrechte, Verantwortung und Gerechtigkeit. Diese Begriffe erscheinen häufig nebeneinander und vermitteln den Eindruck einer gemeinsamen ethischen Grundlage. Erst bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass sie nicht automatisch miteinander vereinbar sind. Jeder dieser Begriffe besitzt seine eigene innere Logik. Werden ihre Beziehungen nicht geklärt, entstehen Spannungen, die sich in der gesellschaftlichen Praxis auswirken.
Besonders deutlich wird dies am Verhältnis von Freiheit und Verantwortung. Die Freiheit des Einzelnen, über den eigenen Körper und die eigene Entwicklung zu entscheiden, gehört zu den zentralen Anliegen transhumanistischer Entwürfe. Freiheit allein begründet jedoch noch keine Ethik. Sie erhält ihren Sinn erst dort, wo sie mit Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns verbunden wird. Verantwortung ist dabei kein äußerer Zusatz zur Freiheit. Sie ergibt sich aus der Anerkennung gleicher Rechte anderer und aus den Bedingungen gemeinsamen Zusammenlebens.
Ähnlich verhält es sich mit Autonomie und Würde. Autonomie beschreibt die Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen. Würde bezeichnet dagegen den gleichen Wert jedes Menschen, unabhängig von seinen Fähigkeiten, seinem Gesundheitszustand oder seiner gesellschaftlichen Stellung. Wird Autonomie zum alleinigen Maßstab, entsteht die Gefahr, den Wert eines Menschen zunehmend an seiner Selbstbestimmung oder Leistungsfähigkeit zu messen. Die Würde verliert dadurch ihren unbedingten Charakter.
Auch die Leidensminderung besitzt einen hohen ethischen Stellenwert. Krankheiten zu behandeln, Schmerzen zu lindern oder verloren gegangene Fähigkeiten wiederherzustellen, gehören zu den ältesten Aufgaben der Medizin. Leidensminderung ist jedoch kein eigenständiger Maßstab, der jede Form technischen Eingreifens rechtfertigen könnte. Auch sie bedarf einer ethischen Einordnung. Andernfalls könnte nahezu jede Veränderung mit dem Hinweis auf eine mögliche Verbesserung oder Vermeidung zukünftigen Leidens begründet werden.
Schließlich entsteht eine Spannung zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Gleichwertigkeit. Technische Möglichkeiten stehen niemals im luftleeren Raum. Sie verändern die gesellschaftliche Praxis, schaffen neue Erwartungen und können bestehende Unterschiede verstärken. Die Frage lautet deshalb nicht nur, was technisch möglich ist, sondern auch, welche Folgen daraus für das Zusammenleben entstehen.
Die Rekonstruktion dieser Spannungen zeigt, dass Ethik nicht durch die bloße Aufzählung einzelner Werte entsteht. Erst ihre innere Ordnung verleiht ihnen Bedeutung. Freiheit ohne Verantwortung verliert ihren gesellschaftlichen Bezug. Autonomie ohne Würde gefährdet die Gleichwertigkeit aller Menschen. Leidensminderung ohne ethische Begrenzung kann selbst zum Maßstab grenzenloser Veränderung werden.
Aus diesem Grund versteht die in diesem Buch entwickelte Theorie Ethik nicht als Sammlung konkurrierender Werte, sondern als ihre Architektur. Naturrechte bilden dabei den Ausgangspunkt. Aus ihnen ergeben sich Freiheit und Würde. Verantwortung verbindet diese Rechte mit dem konkreten Handeln. Erst dadurch entsteht ein Zusammenhang, in dem Freiheit, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Praxis einander nicht ausschließen, sondern gegenseitig begrenzen und ermöglichen.
Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, immer neue Werte zu formulieren. Sie besteht darin, die Bedingungen zu bewahren, unter denen diese Werte auch künftig miteinander vereinbar bleiben und sich an der Wirklichkeit bewähren können.
© Redaktion — Faina Faruz & Eden (KI-Dialogpartner)