1.4 Biotechnologischer Optimismus

Die moderne Biotechnologie gehört zu den bedeutendsten Errungenschaften der Medizin und der biologischen Forschung. Impfstoffe, Antibiotika, Organtransplantationen, bildgebende Verfahren, molekulare Diagnostik oder neue Formen der Gentherapie haben die Behandlung vieler Krankheiten grundlegend verändert. Millionen Menschen verdanken diesen Entwicklungen eine höhere Lebenserwartung und eine verbesserte Lebensqualität.

Der biotechnologische Optimismus setzt jedoch an einem anderen Punkt an. Er betrachtet biotechnische Möglichkeiten nicht mehr ausschließlich als Mittel zur Heilung oder Linderung von Krankheiten, sondern verbindet sie mit der Erwartung, menschliche Eigenschaften gezielt verbessern und weiterentwickeln zu können. Gesundheit erscheint dabei zunehmend nicht mehr als Wiederherstellung eines gestörten Gleichgewichts, sondern als Ausgangspunkt fortlaufender Optimierung.

Diese Entwicklung beruht auf der Überzeugung, dass sich biologische Grenzen des Menschen durch wissenschaftlichen und technischen Fortschritt zunehmend überwinden lassen. Alterungsprozesse, körperliche Leistungsfähigkeit oder genetische Voraussetzungen werden nicht mehr nur als gegebene Bedingungen verstanden, sondern als Bereiche, die grundsätzlich verändert werden können.

Damit verschiebt sich das Verständnis von Medizin. Traditionell dient Medizin dem Schutz, der Heilung und der Begleitung des Menschen. Im biotechnologischen Optimismus erweitert sich dieser Auftrag schrittweise. Medizin wird zugleich zu einem Instrument, mit dem menschliche Fähigkeiten gestaltet, gesteigert oder neu entworfen werden können. Die Grenze zwischen Therapie und Optimierung wird dadurch zunehmend unscharf.

Diese Entwicklung ist nicht auf einzelne Verfahren beschränkt. Sie zeigt sich in unterschiedlichen Bereichen, etwa in der Genomforschung, der Reproduktionsmedizin, neurotechnischen Anwendungen oder biotechnischen Verfahren zur Leistungssteigerung. Gemeinsam ist diesen Ansätzen die Erwartung, dass wissenschaftlicher Fortschritt den Menschen nicht nur helfen, sondern ihn grundlegend verändern könne.

Der biotechnologische Optimismus bildet deshalb eine wichtige Entwicklungslinie im Umfeld des Transhumanismus. Während der technologische Solutionismus gesellschaftliche Probleme bevorzugt technisch lösen möchte und der datenzentrierte Humanismus den Menschen zunehmend aus der Perspektive von Daten betrachtet, richtet sich der biotechnologische Optimismus unmittelbar auf den menschlichen Organismus selbst. Er verschiebt den Schwerpunkt von der Unterstützung des Menschen hin zur Veränderung seiner biologischen Voraussetzungen.

Diese Entwicklung wirft grundlegende Fragen auf. Wann endet medizinische Behandlung und wann beginnt Optimierung? Welche Ziele verfolgt medizinischer Fortschritt? Wer entscheidet darüber, welche Veränderungen wünschenswert sind? Und welche Rolle behalten menschliche Urteilskraft, Verantwortung und ethische Abwägung, wenn technische Machbarkeit zunehmend zum Maßstab des Handelns wird?

Die folgenden Kapitel untersuchen deshalb nicht einzelne medizinische Verfahren, sondern die Vorstellungen vom Menschen, die mit diesen Entwicklungen verbunden sind. Denn auch im Bereich der Biotechnologie entscheidet nicht allein die technische Möglichkeit über ihre Bedeutung, sondern das Menschenverständnis, das ihr zugrunde liegt.

Literatur

Das Genfer Gelöbnis wurde seit seiner ersten Verabschiedung an der 2. Generalversammlung des Weltärztebundes in Genf im September 1948 insgesamt sechs Mal revidiert, zum letzten Mal 2017. Die einzelnen Versionen mit den jeweiligen Änderungen finden Sie auf der Homepage der World Medical Association:  https://www.wma.net/policies-post/wma-declaration-of-geneva/
https://hippokrates.ch/wichtige-texte/genfer-geloebnis/

Der „Nürnberger Kodex“ ist seit 1947 eine globale ethische Richtlinie zur Vorbereitung und Durchführung medizinischer, psychologischer und anderer Experimente am Menschen.

http://www.ippnw-nuernberg.de/aktivitaet2_1.html

Die Allgemeine Erklärung der UNESCO zu Bioethik und Menschenrechten wurde auf der 33. Sitzung der UNESCO-Generalkonferenz, die am 19. Oktober 2005 in Paris stattfand, einstimmig von 191 Ländern angenommen. Damit hat sich die internationale Staatengemeinschaft erstmals zur Einhaltung der in einem einzigen Dokument niedergelegten Grundsätze der Bioethik verpflichtet.
https://link.springer.com/chapter/10.1007/3-540-34915-4_12

Der Weltärztebund (WMA) hat mit der Deklaration von Helsinki eine Erklärung
ethischer Grundsätze für medizinische Forschung am Menschen, einschließlich der
Forschung an identifizierbaren menschlichen Materialien und Daten, entwickelt.
https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/_old-files/downloads/pdf-Ordner/International/Deklaration_von_Helsinki_2013_20190905.pdf


© Redaktion — Faina Faruz & Eden (KI-Dialogpartner)

0 0 Bewertungen
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Comments
Älteste
Neueste Meistbewertet
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x