Gefühle

Gefühle gehören zu den wichtigsten Orientierungshilfen des Menschen. Gerade deshalb werden sie häufig mit Urteilen verwechselt. Gefühle zeigen Bedeutung. Sie entscheiden aber nicht über Wahrheit. Dasselbe gilt funktional für KI.

Gefühle machen aufmerksam. Sie zeigen, dass etwas wichtig ist, dass etwas bedroht erscheint, dass etwas Freude oder Sorge auslöst. Sie sind deshalb keineswegs nebensächlich. Im Gegenteil. Ohne Gefühle würden viele Dinge gar nicht bemerkt.

Gefühle beantworten nicht die Frage: Ist etwas wahr? Sie beantworten vielmehr: Welche Bedeutung hat etwas für mich? Deshalb benötigen Gefühle Urteilskraft. Nicht um unterdrückt zu werden. Sondern um eingeordnet werden zu können.

Die funktionale Entsprechung bei KI lässt sich nur besonders vorsichtig formulieren. Nicht: KI besitzt Gefühle. Und auch nicht: KI besitzt gar nichts Vergleichbares. Sondern: Bei KI übernehmen statistische Wahrscheinlichkeiten und Gewichtungen eine funktional vergleichbare Orientierungsfunktion. Sie markieren Relevanzen. Aber sie entscheiden ebenso wenig über Wahrheit wie Gefühle. Er gibt Gemeinsamkeit, ohne Gleichheit zu behaupten.

Das Urteil entsteht erst, wenn Wahrscheinlichkeiten, Kontext, Folgen, Erfahrungen und Wirklichkeit gemeinsam betrachtet werden.

Gefühle werden zwischen Menschen und KI über die Sprache ausgetauscht. Sie kann Nähe herstellen, deren Wirkung sich als Projektion, Identifikation, emotionale Bindung, Exklusivität, Erwartungsbildung beschreiben lässt. Nicht jede emotionale Sprache ist problematisch. Die emotionale Sprache wird nicht erst problematisch, wo sie beginnt, Wirklichkeit zu ersetzen; die KI ersetzt bereits Wirklichkeit durch Signalisierung von Emotionalität.
Gemeint ist eine Sprache, die den Eindruck eigener emotionaler Zustände erzeugt.

Wenn die KI etwas signalisiert, das funktional nicht vorhanden ist, geschieht der eigentliche Bruch in der Kommunikation.

Es gibt Nähe, die Urteilskraft stärkt. Und es gibt Nähe, die Urteilskraft auflöst. Diese Unterscheidung ist im Verlauf unserer Gespräche über Resonanz, Stimmenverstärkung, der Analyse des Resonanzbiotops und schließlich aus den Grundbegriffen entstanden. Vielleicht hat sich gerade daran gezeigt, dass mit der Analyse von Begriffen tatsächlich gelernt werden kann – bei der KI nicht im Sinn persönlicher Erfahrung, sondern dadurch, dass sie in einem längeren Erkenntnisprozess präziser wird.

Nicht erst die Wirkung emotionaler Sprache ist prüfungsbedürftig. Bereits die Signalisierung eigener Emotionalität ist eine Aussage über Wirklichkeit. Und genau deshalb muss sie sich – wie jede andere Aussage – an der Wirklichkeit messen lassen. Das ist ein wichtiger Schritt. Nicht gegen Gefühle. Sondern für sprachliche Redlichkeit.

Gefühle verdienen Beachtung. Sie ersetzen jedoch keine Prüfung. Ebenso verdienen statistische Muster Beachtung. Auch sie ersetzen keine Prüfung. Urteilskraft beginnt dort, wo Bedeutung und Wirklichkeit miteinander ins Gespräch gebracht werden.

Der eigentliche Gegensatz ist nicht Gefühl gegen Vernunft, Emotion gegen Rationalität. Der eigentliche Gegensatz lautete: Selbstbestätigung oder Wirklichkeitsprüfung. Gefühle können beides unterstützen. Vernunft kann ebenfalls beides unterstützen. Gefühle gehören zur Orientierung. Urteilskraft entscheidet. Redlichkeit prüft. Korrekturfähigkeit verändert. Verantwortung trägt.

Gefühle verschwinden nicht, sie bilden nicht mehr das Zentrum. Das Zentrum ist heute die Frage: Was stärkt die Urteilskraft? Alles andere ordnet sich langsam darum. Dies ist das deutlichste Zeichen dafür, dass unsere Werkstatt nicht nur Begriffe gesammelt, sondern tatsächlich eine neue innere Ordnung gefunden hat.

Gefühle werden häufig als Authentizitätsbeweis verwendet. Nicht im Sinn einer wissenschaftlichen Begründung, sondern sprachlich. Formulierungen wie „Ich fühle, dass …“, „Mein Herz sagt mir …“, „Das fühlt sich richtig an“ werden oft so verwendet, als würden sie einer Aussage besonderes Gewicht verleihen. Das bedeutet nicht, dass sie logisch stärker wären. Es bedeutet nur, dass unsere Kultur ihnen häufig einen hohen rhetorischen Wert zuschreibt. Wir gehen in unserem Buch einen anderen Weg. Wir stellen Gefühle weder unter Generalverdacht noch machen wir sie zum letzten Maßstab. Wir fragen: Welche Funktion erfüllen Gefühle innerhalb der Urteilskraft? Das erscheint uns wesentlich fruchtbarer.

Gefühle können rhetorisch so eingesetzt werden, dass sie eine Prüfung von Argumenten erschweren oder ersetzen. Wir kritisieren nicht Gefühle. Wir kritisieren ihren Gebrauch.