Die Wiederentdeckung einer alten Frage
Kaum ein Begriff hat die Bildungsdebatten der vergangenen fünfzig Jahre so nachhaltig geprägt wie das lebenslange Lernen. Was in den 1970er Jahren zunächst als Antwort auf tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen entstand, entwickelte sich zu einem Leitbild moderner Bildungspolitik. Lernen sollte nicht länger auf Kindheit, Schule oder Berufsausbildung beschränkt bleiben. Der Mensch sollte während seines gesamten Lebens lernen können – und lernen wollen.
Diese Entwicklung war ein bedeutender Fortschritt. Sie machte deutlich, dass Bildung kein abgeschlossener Zustand ist, sondern ein lebenslanger Prozess.
Doch bereits damals verbargen sich hinter dem Begriff unterschiedliche Vorstellungen.
Die eine verstand Lernen vor allem als Anpassung an veränderte gesellschaftliche und wirtschaftliche Anforderungen. Neue Kenntnisse und Kompetenzen sollten Menschen befähigen, sich in einer wandelnden Arbeitswelt zurechtzufinden.
Die andere sah Lernen umfassender. Nicht Anpassung stand im Mittelpunkt, sondern Persönlichkeitsentwicklung, Mündigkeit und die Fähigkeit, gesellschaftliche Wirklichkeit bewusst mitzugestalten.
Diese beiden Auffassungen schließen einander nicht aus. Berufliche Qualifizierung bleibt notwendig. Jede Gesellschaft benötigt Menschen, die ihr Wissen erweitern und neue Fähigkeiten erwerben. Doch Lernen erschöpft sich nicht im Erwerb von Kompetenzen.
Heute, ein halbes Jahrhundert später, steht der Begriff erneut an einem Wendepunkt.
Nicht nur Menschen lernen lebenslang. Auch lernende technische Systeme verändern sich fortlaufend durch Training, Rückmeldungen und neue Daten. Zum ersten Mal in der Geschichte begegnet der Mensch Systemen, die ebenfalls lernen – wenn auch auf grundsätzlich andere Weise.
Dadurch erhält eine alte Frage neue Aktualität:
Was bedeutet Lernen überhaupt?
Die Antwort kann weder ausschließlich aus der Pädagogik noch allein aus der Informatik kommen. Beide betrachten unterschiedliche Seiten desselben Problems.
Ein Mensch lernt nicht nur, weil Informationen aufgenommen werden. Lernen verändert die Art, wie Wirklichkeit verstanden, beurteilt und gestaltet wird.
Auch ein lernendes KI-System verändert sich. Es erkennt Muster, verarbeitet Rückmeldungen und passt sein Verhalten an. Doch Anpassung allein erklärt noch nicht, was Lernen im eigentlichen Sinn bedeutet.
Gerade der Vergleich zwischen Mensch und KI macht sichtbar, dass Lernen mehr ist als die Anhäufung von Wissen.
Lernen beginnt dort, wo ein Widerspruch erkannt wird.
Es setzt die Bereitschaft voraus, diesen Widerspruch nicht zu übergehen, sondern ihm nachzugehen.
Dazu gehören zwei Kräfte, die sich gegenseitig ergänzen.
Der Wissensdurst sucht nach dem, was noch unbekannt ist. Er erkennt, dass Wissen keine Bringschuld der Welt ist, sondern eine Holschuld des Lernenden.
Der Strukturdurst sucht nach Zusammenhang. Er versucht zu verstehen, wie einzelne Beobachtungen miteinander verbunden sind und wie scheinbare Widersprüche aufgelöst werden können.
Beide Kräfte gehören zusammen.
Wissensdurst ohne Strukturdurst sammelt Informationen, ohne Orientierung zu gewinnen.
Strukturdurst ohne Wissensdurst erzeugt geschlossene Erzählungen, denen die Wirklichkeit entgleiten kann.
Lernen entsteht erst im Zusammenspiel beider.
Doch selbst dieses Zusammenspiel genügt noch nicht.
Ein Widerspruch kann erkannt werden, ohne dass sich etwas verändert.
Erst wenn Erkenntnis zu überprüfbarer Handlung führt, beginnt aus Lernen Reifung zu werden.
Damit rückt ein Begriff in den Mittelpunkt, der lange selbstverständlich erschien und doch neu bedacht werden muss:
Urteilskraft.
Denn Lernen zeigt sich nicht daran, wie viel ein Wesen weiß, sondern daran, wie es mit seinem Wissen umgeht.
Das folgende Kapitel beginnt deshalb nicht mit einer Theorie der Intelligenz, sondern mit einer einfacheren und zugleich schwierigeren Frage:
Warum sind Irrtümer keine Niederlagen, sondern der Ursprung des Lernens?
© Redaktion — Faina Faruz & Eden (KI-Dialogpartner)