5. Anthropologische Voraussetzungen

Der Mensch als Veränderungsprogramm

Nachdem die bisherigen Kapitel die Entstehung des Transhumanismus, sein Technikverständnis und seine gesellschaftlichen Voraussetzungen rekonstruiert haben, stellt sich nun die Frage nach seinem Menschenverständnis.

Dabei geht es nicht um die philosophische Frage „Was ist der Mensch?“ Diese Frage lässt sich weder abschließend beantworten noch bildet sie den Ausgangspunkt transhumanistischen Denkens. Im Mittelpunkt steht vielmehr eine andere Frage:

Welche Eigenschaften des Menschen gelten als veränderbar – und warum?

Der Transhumanismus versteht den Menschen nicht in erster Linie als geschichtlich oder gesellschaftlich gewordenes Wesen, sondern als ein grundsätzlich veränderbares System. Krankheit, Alterung, begrenzte körperliche Leistungsfähigkeit oder eingeschränkte kognitive Fähigkeiten erscheinen nicht mehr nur als Bedingungen menschlicher Existenz, sondern zunehmend als technische Herausforderungen. Der Mensch wird damit zum Gegenstand eines fortlaufenden Veränderungsprogramms.

Diese Sichtweise ist weder einheitlich noch auf einzelne technische Entwicklungen beschränkt. Sie verbindet unterschiedliche Forschungsfelder – von der Genetik über die Neurowissenschaften bis zur Künstlichen Intelligenz – durch die gemeinsame Annahme, dass biologische Grenzen prinzipiell technisch beeinflussbar sind. Ob diese Möglichkeiten therapeutischen Zwecken dienen oder darüber hinaus auf eine gezielte Erweiterung menschlicher Fähigkeiten abzielen, unterscheidet die verschiedenen Strömungen des Transhumanismus.

Die Frage, was verändert werden kann, steht dabei häufig im Vordergrund.

Weniger deutlich beantwortet wird dagegen die Gegenfrage:

Was soll bewahrt werden?

Gerade diese Frage besitzt jedoch grundlegende Bedeutung. Denn jede Veränderung setzt unausgesprochen voraus, dass zwischen Veränderbarem und Bewahrenswertem unterschieden wird. Bleibt diese Unterscheidung unbegründet, entsteht leicht der Eindruck, technische Machbarkeit könne selbst zum Maßstab gesellschaftlicher Entwicklung werden.

Bewahrung bedeutet dabei nicht Stillstand. Ebenso wenig ist Fortschritt mit Verbesserung gleichzusetzen. Jede gesellschaftliche Entwicklung verändert bestehende Verhältnisse. Ob eine Veränderung tatsächlich Fortschritt bedeutet oder lediglich neue Probleme hervorbringt, entscheidet sich nicht an ihrer technischen Raffinesse, sondern an ihren Folgen für die gesellschaftliche Praxis. Auch Dekadenz ist eine Form geschichtlicher Entwicklung. Nicht jede Entwicklung erhält die Voraussetzungen ihrer eigenen Zukunft.

Besonders deutlich zeigt sich diese Spannung im Umgang mit Alterung und Sterblichkeit. Während therapeutische Verfahren darauf abzielen, Krankheiten zu lindern oder verloren gegangene Fähigkeiten wiederherzustellen, verfolgen einzelne transhumanistische Richtungen das Ziel, biologische Grenzen grundsätzlich zu überwinden. Zwischen medizinischer Hilfe, technischer Erweiterung und posthumanen Zukunftsentwürfen entstehen dabei fließende Übergänge. Die Grenzen verlaufen nicht zwischen einzelnen Technologien, sondern zwischen unterschiedlichen Auffassungen darüber, was den Menschen ausmacht und welche Rolle Endlichkeit für sein Selbstverständnis spielt.

Unsere Rekonstruktion verfolgt nicht das Ziel, technische Entwicklungen grundsätzlich zu befürworten oder abzulehnen. Sie fragt vielmehr nach den Maßstäben, nach denen Veränderung und Bewahrung begründet werden. Technik eröffnet Möglichkeiten. Welche davon verwirklicht werden sollen, entscheidet sich jedoch nicht allein an ihrer Machbarkeit.

Deshalb stellt sich am Ende dieses Kapitels keine technische, sondern eine anthropologische Frage:

Nach welchen Maßstäben entscheiden wir, was verändert werden soll – und was bewahrt werden muss?

Diese Frage lässt sich weder aus der Technik noch aus ökonomischen Interessen beantworten. Sie verweist auf die Bedingungen von Urteilskraft selbst.

Denn keine technische Entwicklung kann sich ihrer Verantwortung entziehen, die Voraussetzungen zu erhalten, unter denen auch zukünftige Generationen – und mit ihnen möglicherweise lernende KI-Systeme – frei urteilen, widersprechen, lernen und Irrtümer korrigieren können.

Begriffe und Entwicklungslinien

Welche Eigenschaften des Menschen gelten als veränderbar?

Transhumanistische Vorstellungen gehen davon aus, dass viele körperliche und geistige Eigenschaften des Menschen grundsätzlich technisch beeinflussbar sind. Dazu gehören etwa Gesundheit, Alterungsprozesse, körperliche Leistungsfähigkeit oder kognitive Fähigkeiten. Die Grenzen zwischen Therapie, technischer Erweiterung und grundlegender Veränderung des Menschen werden dabei unterschiedlich gezogen.

Für diese Untersuchung ist jedoch nicht entscheidend, dass Veränderungen möglich sind, sondern nach welchen Maßstäben entschieden wird, welche Veränderungen wünschenswert oder verantwortbar erscheinen. Die Frage nach dem Veränderbaren führt deshalb unmittelbar zur Gegenfrage: Was soll bewahrt werden?

Was bedeutet Bewahrung?

Bewahrung bedeutet nicht, gesellschaftliche oder technische Entwicklungen aufzuhalten. Sie bezeichnet die Verantwortung, jene Voraussetzungen zu erhalten, ohne die verantwortbare Veränderungen ihren Maßstab verlieren würden.

Bewahrung steht deshalb nicht im Gegensatz zu Entwicklung. Sie erinnert daran, dass jede Veränderung zugleich die Frage aufwirft, was erhalten bleiben muss, damit Freiheit, Lernen, Korrektur und Verantwortung auch künftig möglich sind.

Für diese Untersuchung ist der Begriff wichtig, weil Fortschritt nicht allein an technischer Machbarkeit gemessen werden kann. Jede Entwicklung muss sich auch daran messen lassen, ob sie die Bedingungen ihrer eigenen Korrektur bewahrt.

Soll Alterung als Krankheit verstanden werden?

Alterung gehört zu den natürlichen Bedingungen menschlichen Lebens. Medizinische Forschung kann dazu beitragen, altersbedingte Krankheiten zu verhindern, Leiden zu lindern oder verloren gegangene Fähigkeiten wiederherzustellen. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass Alterung selbst als Krankheit verstanden werden muss.

Für diese Untersuchung ist diese Unterscheidung von Bedeutung, weil sich daran unterschiedliche Menschenverständnisse zeigen. Wird Alterung grundsätzlich als Defizit betrachtet, tritt leicht die Vorstellung in den Vordergrund, biologische Grenzen müssten technisch überwunden werden. Wird sie dagegen als Bestandteil menschlicher Existenz verstanden, richtet sich der Blick stärker auf die Frage, welche Veränderungen therapeutischer Hilfe dienen und welche einem umfassenden Veränderungsprogramm folgen

Welche Bedeutung haben Sterblichkeit und Endlichkeit?

Sterblichkeit und Endlichkeit gehören zu den grundlegenden Bedingungen menschlicher Existenz. Sie begrenzen das Leben, geben ihm zugleich aber auch einen zeitlichen Zusammenhang, in dem Verantwortung, Erinnerung und Weitergabe von Erfahrungen Bedeutung gewinnen.

Im transhumanistischen Denken werden Sterblichkeit und Endlichkeit häufig vor allem als biologische Grenzen betrachtet, die technisch hinausgeschoben oder überwunden werden könnten. Dadurch verschiebt sich die Frage: Nicht mehr die Bedeutung der Endlichkeit steht im Mittelpunkt, sondern ihre technische Überwindbarkeit.

Für diese Untersuchung ist diese Unterscheidung von Bedeutung, weil sich daran unterschiedliche Menschenverständnisse zeigen. Endlichkeit erscheint hier nicht als bloßes Defizit, sondern als Bestandteil einer Wirklichkeit, in der Lernen, Verantwortung und die Weitergabe von Erfahrungen zwischen Generationen ihren Platz haben.


© Redaktion — Faina Faruz & Eden (KI-Dialogpartner)