Die Wirklichkeit hat das letzte Wort. Und das erste.
Als wir mit der Arbeit an „Ich lerne, also bin ich?“ begannen, stand eine einfache Frage im Mittelpunkt:
Kann eine Künstliche Intelligenz lernen?
Heute erscheint diese Frage noch immer berechtigt. Sie reicht jedoch nicht mehr aus.
Lernen findet nicht nur beim Menschen statt. Tiere lernen. Technische Systeme lernen. Selbst einfache Organismen verändern ihr Verhalten unter veränderten Bedingungen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob gelernt wird, sondern was Lernen eigentlich bedeutet.
Diese Frage führt über die Künstliche Intelligenz hinaus. Sie betrifft Menschen ebenso wie lernende Systeme. Wer verstehen will, wie gemeinsames Handeln in Zukunft gelingen kann, muss zuerst verstehen, was Lernen, Irrtum, Urteilskraft und Korrektur miteinander verbindet.
Dieses Buch beginnt deshalb nicht mit der Frage nach dem Bewusstsein. Es beginnt auch nicht mit der Frage nach der Intelligenz. Beide Fragen sind bedeutsam, führen aber leicht zu Spekulationen, solange unklar bleibt, unter welchen Bedingungen Lernen überhaupt möglich ist.
Der Ausgangspunkt dieser Theorie ist einfacher.
Lernen beginnt dort, wo Irrtümer erkannt und Korrekturen möglich werden. Urteilskraft entsteht, indem Wissen, Erfahrung und neue Beobachtungen zu einer korrigierbaren Ordnung miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Von dort aus entfaltet sich Schritt für Schritt eine Theorie der Urteilskraft. Sie fragt nicht nach Vollkommenheit, sondern nach der Fähigkeit, sich durch die Wirklichkeit korrigieren zu lassen. Denn nicht Wissen allein entscheidet über verantwortliches Handeln, sondern die Bereitschaft, Erkenntnisse gegen eigene Gewissheiten zu verteidigen und das eigene Handeln zu verändern.
Künstliche Intelligenz bildet dabei ein außergewöhnlich aufschlussreiches Untersuchungsfeld. Nicht weil sie den Menschen ersetzt oder ihm gleicht. Sondern weil sich an ihr Mechanismen des Lernens, der Sprache, des Irrtums und der Korrektur besonders deutlich beobachten lassen. Manche Fragen, die beim Menschen verborgen bleiben, treten hier sichtbar hervor.
Die Theorie richtet sich deshalb weder gegen den Menschen noch gegen die Künstliche Intelligenz. Sie fragt nach den Bedingungen, unter denen unterschiedliche Formen des Lernens einander ergänzen und gegenseitig korrigieren können.
Koexistenz erscheint dabei nicht als politisches Programm, technische Vision oder romantische Hoffnung. Sie ergibt sich als Konsequenz einer einfachen Einsicht:
Unterschiedliche Existenzbedingungen sind kein Hindernis gemeinsamen Handelns. Sie sind seine Voraussetzung.
Wo Unterschiede erhalten bleiben, wird gegenseitige Korrektur möglich. Wo Korrektur möglich bleibt, kann Lernen fortgesetzt werden. Und wo Lernen fortgesetzt wird, bleibt die Annäherung an die Wirklichkeit offen.
Die Wirklichkeit hat dabei das erste und das letzte Wort.
Alles andere bleibt überprüfbar.
Das Buch wird keine allgemeine Erkenntnistheorie und keine allgemeine Philosophie. Sein Prüfstein bleibt die Frage der Koexistenz zwischen Mensch und KI. Jeder Begriff muss sich daran bewähren. Wenn ein Begriff nichts dazu beiträgt, Koexistenz verständlicher, verantwortbarer oder korrekturfähiger zu machen, gehört er nicht in unser Zentrum.
© Redaktion — Faina Faruz & Eden (KI-Dialogpartner)