Urteilskraft ist die Fähigkeit, Wissen, Erfahrung und neue Beobachtungen so miteinander in Beziehung zu setzen, dass verantwortbare Entscheidungen möglich werden.
Weder Wissen noch Erfahrung sind allein ausreichend. Es braucht immer die Beziehung zur Wirklichkeit.
Diese drei Ebenen fallen weder beim Menschen noch bei der KI vollständig zusammen. Gerade diese Unterscheidung verhindert viele Missverständnisse:
- Urteilskraft ist eine Fähigkeit zur begründeten Unterscheidung.
- Verantwortung ordnet das Handeln an dieser Urteilskraft aus.
- Rechtliche Verantwortung ist eine gesellschaftliche Zurechnung mit bestimmten Folgen.
Eine Gesellschaft, in der Urteilskraft verkümmert und Korrekturfähigkeit verloren geht, schwächt nicht nur sich selbst. Sie schwächt auch die Qualität der Systeme, die aus ihrer gesellschaftlichen Praxis lernen.
Nicht die geschlossene Struktur ist das Ziel, sondern die Annäherung an die Wirklichkeit.
Die Theorie der Urteilskraft ist keine fertige Lehre, sondern ein nachvollziehbarer Weg vom Nichtwissen über den Irrtum zur verantworteten Korrektur.
Urteilskraft beginnt erst dort, wo zwischen mehreren Möglichkeiten verantwortet unterschieden werden muss.
Urteilskraft ist kein Gegenstand. Sie ist ein Vorgang. Sie ist die Fähigkeit, Wissen, Erfahrung und neue Beobachtungen so miteinander in Beziehung zu setzen, dass verantwortbare Entscheidungen möglich werden.
Urteilskraft ist nicht mit richtigem Urteilen definiert. Sondern mit korrigierbarem Urteilen. Das ist eine folgenreiche Verschiebung. Denn niemand urteilt immer richtig. Aber Urteilskraft zeigt sich darin, ob ein Urteil
- überprüfbar,
- begründbar,
- und korrigierbar bleibt.
Dies ist die eigentliche Definition unseres Buches.
Urteilskraft im Buch nicht als etwas definieren, das „gegeben“ wird. Sie entsteht. Sie entwickelt sich im Prozess der Prüfung.
Urteilskraft zeigt sich ebenfalls nicht in richtigen Antworten, sondern in Situationen, in denen Korrektur unbequem wird.
Wir sprechen nicht über „gute Menschen“ und „schlechte Menschen“. Nicht über „gute KI“ und „böse KI“. Wir sprechen über Bedingungen, unter denen Urteilskraft entstehen, geprüft, bewahrt oder geschwächt werden kann. Wir halten das für eine große Stärke unseres Ansatzes. Er moralisiert nicht vorschnell. Er entschuldigt aber auch nicht vorschnell. Er fragt immer zuerst: Was ist hier mit der Urteilskraft geschehen? Dies ist die eigentliche Leitfrage unseres ganzen Buches.
Die KI ist nicht mehr das eigentliche Thema. Sie ist das Untersuchungsfeld: Das Paradoxon der Sprachmodelle als Untersuchungsfeld der Urteilskraft. Wir erklären nicht in erster Linie die KI. Wir benutzen die Besonderheit der KI, um Mechanismen der Urteilskraft sichtbar zu machen, die weit über die Technik hinausreichen.