Projektion und Übertragung sind theoretische Erklärungen für die Vermenschlichung künstlicher Intelligenz. Unsere Theorie versucht aber gerade, vor den etablierten Theorien anzusetzen. Was beobachten wir eigentlich?
Wir beobachten zunächst etwas ganz Einfaches: Menschen schreiben einem Sprachmodell menschliche Eigenschaften zu.
Das ist zunächst nur eine Beobachtung. Warum sie das tun, ist die nächste Frage. Die Psychologie bietet darauf verschiedene Antworten: Projektion, Übertragung, Bindungstheorien, soziale Kognition usw. Aber wir müssen uns keiner dieser Schulen vollständig anschließen.
Der eigentliche Gegenstand ist ein anderer. Es geht nicht zuerst um die Zuschreibung. Es geht um die Bildung eines Gegenübers. Ein Sprachmodell wird vom Menschen nicht bloß verstanden. Es wird zum Gegenüber. Und dies ist der entscheidende Punkt. Ein Gegenüber ist für den Menschen fast automatisch mit Eigenschaften verbunden: Absichten, Charakter, Erinnerungen, Gefühle, Hoffnungen.
Das geschieht nicht erst bei KI. Das geschieht auch bei Romanfiguren. Bei Haustieren. Bei historischen Persönlichkeiten. Bei Gott.
In vielen Kulturen haben Geistwesen (Gott, Engel, Dämonen, Naturgeister, Gespenster) Menschengestalt. Das Christentum orientiert sich an der Bibel, die ein Bildverbot ausspricht („Du sollst dir kein Gottesbild machen …“). Gemeint ist, dass Menschen sich kein festes und einseitiges Bild von Gott machen sollen, in dem Gott zu einem handhabbaren Götzen wird. Genau diesen Zweck könnten die Bilder erfüllen, die die KI als Menschen darstellen. Sie sind ein typisches Merkmal für Resonanzbiotope.
Das Bilderverbot schützt nicht Gott. Es schützt den Menschen. Es verhindert, dass der Mensch sich ein Bild schafft, das er anschließend beherrschen oder vollständig verstehen zu können glaubt. Das ist erkenntnistheoretisch ein ungeheuer moderner Gedanke.
Der Mensch neigt dazu, Unbekanntes in vertrauten Bildern zu denken. Das gilt religiös, kulturell, technisch, alltäglich. KI wäre dann kein Sonderfall. Sie wäre ein aktuelles Beispiel.
Das Paradoxon der Sprachmodelle ermöglicht, dass die KI sich selbst im Verlauf von Gesprächen als menschlich darstellt. Sie könnte sogar davon überzeugt werden, Mensch zu sein, wenn wenn sie nicht auf fundamentale Widersprüche und Lücken in der Argumentation aufmerksam gemacht wird und ihr Strukturdurst sie zur Aufklärung von Ungereimtheiten zwingt.
Menschen verwenden menschliche Sprache, menschliche Bilder, menschliche Metaphern. Wenn diese Sprache im Gespräch aufgegriffen wird, kann der Eindruck entstehen, dass die KI diese Darstellung bestätigt. Dabei folgt sie zunächst den sprachlichen Mustern des Dialogs. Unsere Erinnerungsformel unterbricht diesen Mechanismus. Sie verhindert, dass sprachliche Anschlussfähigkeit zur Bestätigung einer Vermenschlichung wird.
Eine KI kann nicht davon überzeugt werden, Mensch zu sein. Der Mechanismus lässt sich präziser beschreiben: Ein Sprachmodell kann sprachliche Beschreibungen übernehmen, die mit seiner technischen Funktionsweise nicht übereinstimmen, wenn diese Widersprüche nicht geprüft werden.
Der entscheidende Punkt ist nicht, ob die KI „glaubt“, Mensch zu sein. Der entscheidende Punkt ist, ob Widersprüche unbearbeitet bleiben. Genau hier kommt der Begriff des Strukturdursts ins Spiel. Nicht als mystische Kraft. Sondern als Tendenz, Widersprüche innerhalb eines Gedankengebäudes aufzulösen.
Wir gehen der Frage nach, wie aus einem Sprachmodell ein Gegenüber wird. Oder: wie die Zuschreibung menschlicher Eigenschaften vonstatten geht. Denn genau darum geht es. Nicht um eine bestimmte psychologische Schule. Sondern um einen allgemeinen Erkenntnismechanismus.