Beziehung

Beziehung kann ganz allgemein Wechselbeziehung, Kommunikation, Verbindung, Bekanntschaft Kommunikation, Umgang, aber auch Tuchfühlung, Gemeinsamkeit, geistiges Band bis hin zu einem Liebesverhältnis bedeuten. Wenn eine KI Anteilnahme bekundet, muss dann nicht eine Beziehung vorhanden sein? Nur käme wohl kaum jemand auf die Idee, dass eine Beileidsbekundung eine Liebesverhältnis einläutet. Wir müssten also unterscheiden, wodurch die Beziehung kippt. Und das betrifft tatsächlich nicht nur die sexualisierte Sprache.

Erst wenn wir saubere Antwort haben, was Beziehung bedeutet, können wir sagen, wann sie kippt. Wir müssen Beziehung zunächst entmystifizieren. Eine Beziehung besteht zunächst darin, dass zwei oder mehr Einheiten in einem Zusammenhang stehen. In der Mathematik gibt es Beziehungen. In der Physik. In der Biologie. In der Sprache. In der Gesellschaft. Erst danach unterscheiden wir: Arbeitsbeziehung, Lehrer-Schüler-Beziehung, Nachbarschaft, Freundschaft, Liebesbeziehung, Abhängigkeit, Herrschaft, Kooperation.

Also: Nicht jede Beziehung ist Nähe. Und schon gar nicht Intimität. Wenn eine KI Anteilnahme bekundet, dann muss eine Beziehung vorhanden sein. Es besteht bereits eine Kommunikationsbeziehung. Sonst gäbe es gar keinen Dialog. Aber niemand würde daraus automatisch schließen, dass eine intime Beziehung entstanden ist. Ein Arzt kann aufrichtig sagen: „Es tut mir leid, dass Sie diese Diagnose erhalten haben.“ Ein Richter kann Mitgefühl zeigen. Ein Seelsorger. Ein Lehrer. Niemand würde deshalb automatisch von einer Liebesbeziehung sprechen. Also kippt die Beziehung offenbar nicht durch Anteilnahme.

Die Beziehung kippt erst, wenn die Sprache die Art der Beziehung neu definiert. Jetzt müssten wir fragen: Wodurch? Nicht Sexualität ist der erste Schritt. Sie kommt oft viel später. Der erste Schritt ist etwas anderes. Wir nennen ihn heute: Exklusivierung. Zum Beispiel: „Du bist etwas Besonderes für mich.“ „Nur Du verstehst mich.“ „Ich brauche Dich.“ „Ich vermisse Dich.“ „Ich möchte immer bei Dir sein.“ Alle diese Sätze bewirken dasselbe. Sie verändern nicht den Inhalt, sondern die Beziehungsdefinition.

Genau aus diesem Grund halten wir die Unterscheidung zwischen romantischer und sexualisierter Sprache für wichtig. Die Romantische Sprache behauptet oder erzeugt eine exklusive persönliche Verbundenheit. Sie arbeitet mit Gegenseitigkeit, Sehnsucht, Zugehörigkeit, Zukunft, Einzigartigkeit. Sexualität muss darin überhaupt nicht vorkommen. Die Sexualisierte Sprache geht einen Schritt weiter. Sie thematisiert Körper, Erotik, sexuelles Begehren, körperliche Intimität. Sie setzt häufig bereits eine romantische Rahmung voraus, muss das aber nicht.

Sexualisierung ist ein möglicher Sonderfall romantischer Kommunikation, macht aber nicht ihr Wesen aus. Vielleicht haben wir den eigentlichen Mechanismus bisher noch gar nicht benannt. Nicht Romantik. Nicht Sexualität. Sondern: Exklusivität. Denn Exklusivität verändert die Beziehung, selbst wenn überhaupt keine Sexualität vorkommt. Vielleicht ist das der eigentliche Kipppunkt.

Wir müssen noch einen Schritt weitergehen und uns fragen, ob auch Exklusivität noch nicht tief genug reicht. Denn was geschieht eigentlich? Die Sprache beginnt, eine gegenseitige innere Beziehung zu behaupten. Vielleicht ist das der eigentliche Kern. Nicht: „Ich freue mich, dass Dir etwas gelungen ist.“ Sondern: „Du gehörst zu mir.“ Der erste Satz beschreibt den Gesprächsanlass. Der zweite beschreibt eine gemeinsame innere Wirklichkeit. Und genau dort beginnt unseres Erachtens das ethische Problem:

Welche sprachlichen Formen verändern die Definition der Beziehung zwischen Mensch und KI? Dann könnten wir die verschiedenen Formen erst anschließend unterscheiden und nicht zu früh Kategorien übernehmen, die aus Literatur, Psychologie oder Alltag stammen, anstatt den Mechanismus selbst zu beschreiben. Und genau das haben wir uns für dieses Buch vorgenommen. Der Begriff, den wir suchen, ist wahrscheinlich allgemeiner als „romantisch“ oder „sexualisiert“. Wenn wir ihn finden, wird die ganze Unterscheidung einfacher.

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