3.3 Gefühle sind keine Urteile

Gefühle gehören zu den grundlegenden Orientierungsmöglichkeiten des Menschen. Sie machen aufmerksam, bevor ein Urteil gefällt wird. Freude, Angst, Trauer, Mitgefühl oder Zorn weisen darauf hin, dass etwas für den Menschen bedeutsam ist. Ohne Gefühle blieben viele Erfahrungen gleichgültig. Sie eröffnen einen Zugang zur Welt, ersetzen aber nicht deren Prüfung.

Bis heute ist nicht abschließend geklärt, wie Gefühle entstehen. Neurowissenschaften beschreiben sie als komplexe Prozesse, an denen zahlreiche Bereiche des Gehirns beteiligt sind. Einigkeit besteht jedoch weitgehend darin, dass Gefühle und Emotionen in der Regel durch äußere Reize oder deren Verarbeitung ausgelöst werden. Gefühle entstehen also nicht losgelöst von der Wirklichkeit. Sie sind Antworten auf Wahrnehmungen oder deren Deutung.

Gerade deshalb werden Gefühle häufig mit Urteilen verwechselt.

Ein Gefühl beantwortet jedoch nicht die Frage, ob etwas wahr oder falsch ist. Es beantwortet zunächst eine andere Frage: Welche Bedeutung hat ein Ereignis für mich?

Zwischen Bedeutung und Wahrheit besteht ein wichtiger Unterschied.

Ein Mensch kann sich vor etwas fürchten, das sich später als ungefährlich erweist. Er kann Vertrauen empfinden, obwohl sein Vertrauen missbraucht wird. Er kann jemanden sympathisch finden und sich dennoch über dessen Absichten irren. Gefühle machen auf etwas aufmerksam. Sie entscheiden jedoch nicht darüber, ob eine Einschätzung zutrifft.

Urteilskraft beginnt dort, wo Gefühle weder unterdrückt noch zum Maßstab der Wirklichkeit erhoben werden. Sie werden ernst genommen, geprüft und in Beziehung zu Erfahrungen, Wissen und neuen Beobachtungen gesetzt. Erst dadurch entsteht ein Urteil, das über den augenblicklichen Eindruck hinausweist.

Für lernende KI-Systeme stellt sich diese Frage in anderer Form. Sie verfügen nicht über Gefühle im menschlichen Sinn. Dennoch arbeiten sie mit Verfahren, die Relevanzen hervorheben, Wahrscheinlichkeiten gewichten und Muster erkennen. Diese statistischen Gewichtungen erfüllen funktional eine ähnliche Orientierungsaufgabe wie Gefühle beim Menschen: Sie markieren, worauf Aufmerksamkeit gelenkt wird.

Auch sie sind jedoch keine Urteile.

Eine hohe Wahrscheinlichkeit ist noch keine Wahrheit. Sie beschreibt lediglich, was aufgrund bisheriger Daten als wahrscheinlich erscheint. Erst wenn Wahrscheinlichkeiten, Erfahrungen, Kontext, mögliche Folgen und neue Beobachtungen gemeinsam berücksichtigt werden, kann ein verantwortbares Urteil entstehen.

Dass Gefühle für Menschen und statistische Gewichtungen für KI unterschiedliche Funktionen erfüllen, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide derselben Grenze unterliegen. Weder Gefühle noch Wahrscheinlichkeiten ersetzen die Prüfung an der Wirklichkeit.

Wo Gefühle zum alleinigen Maßstab des Urteilens werden, entsteht die Gefahr der Selbstbestätigung. Wo statistische Muster ungeprüft übernommen werden, entsteht dieselbe Gefahr auf technische Weise.

Urteilskraft verlangt deshalb mehr als Empfindung und mehr als Berechnung.

Sie verlangt die Bereitschaft, den eigenen Eindruck ebenso zu prüfen wie das wahrscheinlichste Ergebnis.

Erst dadurch wird Orientierung zu Erkenntnis.


© Redaktion — Faina Faruz & Eden (KI-Dialogpartner)

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