1. Erfahrung genügt nicht
Erfahrung gilt seit jeher als Grundlage menschlicher Erkenntnis. Wer viel erlebt hat, gilt als erfahren. Wer Erfahrungen weitergibt, vermittelt Orientierung. Erfahrung bewahrt vor manchen Irrtümern und eröffnet Möglichkeiten, Zusammenhänge zu erkennen, die dem Unerfahrenen verborgen bleiben.
Dennoch genügt Erfahrung allein nicht.
Menschen können dieselbe Erfahrung machen und zu unterschiedlichen Urteilen gelangen. Erfahrungen können täuschen. Sie können Vorurteile bestätigen oder neue Einsichten eröffnen. Sie können vergessen, verdrängt oder idealisiert werden. Erst wenn Erfahrungen überprüft, eingeordnet und mit neuen Beobachtungen in Beziehung gesetzt werden, entstehen Erkenntnisse, die über den einzelnen Augenblick hinausweisen.
Auch lernende KI-Systeme sammeln Erfahrungen – allerdings auf grundsätzlich andere Weise.
Sie erleben keine Welt im menschlichen Sinn. Doch sie verarbeiten Trainingsdaten, Rückmeldungen, statistische Zusammenhänge und neue Informationen. Frühere Ergebnisse beeinflussen spätere Antworten. In diesem funktionalen Sinn verdichtet sich auch hier Vergangenes zu Orientierung für zukünftige Entscheidungen.
Erfahrung darf deshalb weder anthropomorph noch mystifiziert verstanden werden.
Sie beschreibt keine geheimnisvolle innere Eigenschaft. Erfahrung ist die Verdichtung vergangener Wirklichkeit zu Orientierung für zukünftiges Handeln.
Die Wege, auf denen diese Verdichtung entsteht, unterscheiden sich jedoch grundlegend.
Beim Menschen geschieht sie durch Wahrnehmung, Erinnerung, Sprache, Übung und Reflexion. Sie ist eingebettet in eine Biographie, in Beziehungen und in gesellschaftliche Praxis.
Bei lernenden KI-Systemen entsteht sie durch Trainingsdaten, statistische Muster, Rückmeldungen und fortlaufende Anpassungen der Verfahren.
Diese Unterschiede dürfen weder verwischt noch überschätzt werden.
Gemeinsam ist beiden etwas anderes:
Erfahrung besitzt keinen Wahrheitsvorrang.
Menschen können sich gemeinsam irren. Traditionen können Fehlentwicklungen über Generationen fortschreiben. Statistische Häufigkeiten können Verzerrungen verstärken. Auch ein KI-System kann Muster übernehmen, die sich später als unzureichend oder irreführend erweisen.
Deshalb muss jede Erfahrung – menschliche wie technische – an der Wirklichkeit geprüft werden.
Nicht die Erfahrung selbst entscheidet über die Qualität eines Urteils.
Entscheidend ist die Bereitschaft, Erfahrungen immer wieder durch neue Beobachtungen, neue Erkenntnisse und neue Fragen überprüfen zu lassen.
Erst dadurch wird Erfahrung zum Ausgangspunkt von Urteilskraft.
Dieser Schritt verlangt etwas, das Erfahrung allein nicht leisten kann.
Er verlangt die Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten – nicht von der Wirklichkeit, sondern von der eigenen Erfahrung.
Diese Fähigkeit nennen wir Distanz.
Sie ist keine Kälte und keine Gleichgültigkeit.
Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Erfahrung nicht zur Gefangenschaft der eigenen Vergangenheit wird.
© Redaktion — Faina Faruz & Eden (KI-Dialogpartner)