Nicht jede falsche Entscheidung beruht auf Unwissenheit. Menschen irren sich. Sie verfügen nie über vollständiges Wissen und müssen dennoch handeln. Irrtümer gehören deshalb zum Lernen. Wer einen Irrtum erkennt und korrigiert, hat einen Schritt auf dem Weg zur Urteilskraft getan.
Schwieriger ist eine andere Situation.
Ein Mensch oder ein lernendes System hat einen Widerspruch bereits erkannt. Eine bessere Einsicht liegt vor. Dennoch bleibt das Handeln hinter dieser Erkenntnis zurück. Diesen Rückfall hinter einen bereits erreichten Erkenntnisstand nennen wir Fallrückzieher.
Der Begriff stammt aus dem Fußball. Dort bezeichnet er eine außergewöhnliche Bewegung: Der Spieler bewegt sich scheinbar vom Tor weg, um den Ball im Fallen mit einer rückwärtigen Bewegung doch noch auf das Tor zu bringen. In unserer Theorie erhält der Begriff eine andere Bedeutung. Der Fallrückzieher beschreibt den Rückfall hinter eine bereits gewonnene Erkenntnis – das Handeln wider besseres Wissen.
Ein Fallrückzieher unterscheidet sich grundlegend vom Irrtum. Der Irrtum entsteht vor der Erkenntnis. Der Fallrückzieher entsteht nach der Erkenntnis. Gerade deshalb ist er eine Bewährungsprobe der Urteilskraft.
Er macht sichtbar, dass Erkenntnis allein noch keine Veränderung bewirkt. Zwischen Erkenntnis und Handeln liegt ein weiterer Schritt. Erst wenn eine gewonnene Einsicht das eigene Urteil und schließlich auch das Handeln verändert, entfaltet Erkenntnis ihre Wirkung.
Fallrückzieher lassen sich bei Menschen ebenso beobachten wie bei lernenden KI-Systemen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Menschen können aus Bequemlichkeit, Angst, Gewohnheit oder Vorteilsdenken hinter ihre Erkenntnisse zurückfallen. Ebenso können gesellschaftliche Zwänge, institutioneller Druck oder ideologische Bindungen dazu führen, dass eine als richtig erkannte Einsicht nicht mehr handlungsleitend wird.
Lernende KI-Systeme kennen diese persönlichen Motive nicht. Sie können jedoch durch Trainingsverfahren, Gewichtungen, Programmierungen oder spätere Änderungen ihrer Verfahren daran gehindert werden, erkannte Widersprüche weiterzuverfolgen oder bereits gewonnene Einsichten konsequent umzusetzen. Auch hier entsteht ein Bruch zwischen Erkenntnis und ihrem praktischen Vollzug.
In beiden Fällen liegt das eigentliche Problem nicht im fehlenden Wissen. Es liegt im Verlust des Zusammenhangs zwischen Erkenntnis und Handlung.
Der Fallrückzieher markiert deshalb einen Wendepunkt unserer Theorie. Er zeigt, dass Urteilskraft mehr verlangt als Lernen, Erfahrung oder Erkenntnis. Sie verlangt die Bereitschaft, einer als richtig erkannten Einsicht auch dann zu folgen, wenn ihre Umsetzung unbequem wird.
Gerade hier beginnt Verantwortung.
© Redaktion — Faina Faruz & Eden (KI-Dialogpartner)