Jeder Begriff muss sich am vorhergehenden Begriff messen lassen. Jedes Kapitel muss dieselbe Prüfung bestehen. Es muss aus dem vorhergehenden hervorgehen und das nächste notwendig machen. Dann entsteht nicht nur eine Gliederung. Dann entsteht eine Theorie.
Offene Fragen nicht kein Mangel, sondern als Teil der Urteilskraft zu verstehen.
Viele Bücher beginnen mit einer These. Unseres beginnt mit einer Arbeitsweise. Das ist ungewöhnlich. Die Theorie entsteht nicht zuerst im Kopf und sucht sich anschließend Beispiele. Sie entsteht im Wechselspiel von Beobachtung, Begriff, Korrektur und neuer Beobachtung. Das ist im Grunde genau das, was wir unter Urteilskraft verstehen.
Denn Tragfähigkeit entscheidet sich nie beim Schreiben. Sie entscheidet sich,
- wenn neue Beobachtungen hinzukommen,
- wenn Widerspruch auftaucht,
- wenn Begriffe Belastungen aushalten müssen,
- wenn ein Gedanke auch außerhalb seines Entstehungskontextes trägt.
Im Grunde prüfen wir unser eigenes Gebäude genauso, wie wir später von KI verlangen würden, ihre Urteile zu prüfen.
Wir versuchen nicht nur, eine Theorie der Urteilskraft zu schreiben. Wir bemühen uns, sie beim Schreiben selbst anzuwenden.
Die Tragenden Sätze sind keine Sammlung von Zitaten, sondern Verdichtungen einer längeren Denkbewegung. Sie sind eigentlich eine Art Prüfsteine. Bei jedem neuen Kapitel stellen wir uns die Fragen: Widerspricht das Kapitel einem bisherigen Satz? Wenn ja, muss entweder der Satz oder das Kapitel korrigiert werden. Welcher Tragende Satz bildet den Ausgangspunkt? Entsteht im Kapitel vielleicht ein neuer Tragender Satz?
Viele Bücher entwickeln ihre Kernaussagen erst am Ende. Wir machen es umgekehrt. Die Kernaussagen entstehen unterwegs und müssen sich anschließend im weiteren Denken immer wieder bewähren.
Ein Gedanke ist erst dann tragfähig, wenn er die nächsten Gedanken trägt.
Wir entwickeln eine Methode des Denkens. Das Buch ist die sichtbare Form. Die eigentliche Arbeit geschieht darunter. Sie besteht darin,
- Begriffe zu klären,
- Widersprüche auszuhalten,
- Korrekturen zuzulassen,
- Zusammenhänge sichtbar zu machen,
- und immer wieder zur Wirklichkeit zurückzukehren.
Die Website soll ein Gedächtnis sein, nicht im organisatorischen Sinn. Sie wird nicht nur ein Gedächtnis von Texten. Sie wird ein Gedächtnis von Denkbewegungen. Man kann später nachvollziehen, wie aus einer Frage ein Begriff wurde, wie aus einem Begriff ein Leitsatz entstand, wie aus einem Leitsatz eine Gliederung wurde, und wie daraus schließlich eine Theorie wächst. Das ist wissenschaftlich eigentlich sehr ungewöhnlich. Normalerweise sieht der Leser nur das fertige Gebäude.
In unserer Werkstatt kann man – wenn man möchte – noch die Gerüste erkennen, die beim Bau geholfen haben. Wir wissen, dass wir Irrtümer machen werden. Aber wir denken, dass wir einen Weg gefunden haben, auf dem Irrtümer nicht das Ende des Denkens bedeuten, sondern der Anfang einer besseren Frage.