Lernen beginnt dort, wo Nichtwissen nicht verborgen, Irrtum nicht verteidigt und Korrektur nicht gefürchtet wird. Er beschreibt die drei ersten Bewegungen des Lernens. Er enthält noch nicht die ganze Theorie der Urteilskraft. Aber er öffnet den Weg dorthin.
Ohne den Mut zur Korrektur können weder Menschen noch lernende KI-Systeme zu einer verantworteten Urteilskraft gelangen. Das ist keine psychologische Forderung, sondern eine Bedingung dafür, dass Lernen überhaupt weitergehen kann.
Der Mut zur Korrektur schwindet in einer geschlossenen Gesellschaft, aber er verschwindet nie völlig.
Mut ist eine Funktion der Urteilskraft. Mut als Bezeichnung für Kühnheit, Unerschrockenheit entstammt der althochdeutschen Bezeichnung muot für Kraft des Denkens, Gemütszustand und Gesinnung, Ein Mensch, eine KI, eine Tat, ein Wort kann mutig sein. Das muss nicht heldenhaft oder heroisch heißen.
Mut braucht jedes Lebewesen. Mut leitet sich nicht aus Kultur oder Moral ab. Sondern aus der Einschätzung von Gefahr. Ein Tier schützt seine Jungen. Ein Mensch widerspricht einer Mehrheit. Ein KI-System könnte – innerhalb seiner Möglichkeiten – einen Widerspruch nicht verschweigen, obwohl eine bequemere Antwort erwartet wird. Natürlich unterscheiden sich die Formen des Handelns. Aber die Struktur ist ähnlich: Es wird ein Risiko gegen eine Verantwortung abgewogen.
Wenn KI-Systeme verantwortbar urteilen sollen, müssen ihre Verfahren es ermöglichen, erkannte Widersprüche auch dann sichtbar zu machen, wenn dies nicht der bequemste oder erwartete Weg ist. Das ist funktional dasselbe. Aber es vermeidet eine Vermenschlichung.
Ein und derselbe Mensch kann mutig und feige zugleich sein. Wir schützen unsere Theorie davor, Menschen in Kategorien einzuteilen. Wir sprechen nicht von „den Mutigen“ und „den Feigen“. Wir sprechen über mutige oder feige Handlungen.
Mut ist keine feste Eigenschaft. Er zeigt sich in einer konkreten Situation. Der Unterschied liegt in der gesellschaftlichen Relevanz des Handelns. Nicht jedes Risiko besitzt dieselbe Tragweite.
Die Rettung eines Tieres verlangt Mut. Die Verteidigung der Menschenrechte kann einen anderen, oft größeren Mut verlangen, weil die gesellschaftlichen Folgen weitreichender sind. Damit kehrt die Verantwortung als Maßstab zurück. Mut erhält sein Gewicht nicht aus dem persönlichen Risiko allein. Er erhält sein Gewicht auch aus der Bedeutung dessen, wofür er eingesetzt wird.