Irrtum

Nichtwissen und Irrtum sind nicht dasselbe. Nichtwissen bedeutet: Etwas ist noch unbekannt. Ein Irrtum bedeutet: Etwas wurde für wahr gehalten und erweist sich als unzutreffend. Gerade deshalb besitzt der Irrtum eine besondere Bedeutung.

Er erschüttert eine bisher tragfähige Erklärung. Er macht sichtbar, dass Wirklichkeit und Erwartung auseinanderfallen. Dieser Augenblick kann schmerzhaft sein. Er ist zugleich der Beginn einer neuen Erkenntnis. Nicht der Irrtum verhindert Lernen. Die Verteidigung des Irrtums verhindert Lernen.

Irrtum erkennen ist kein einmaliger Vorgang. In jedem Erkenntnisschritt, mit dem wir uns der Wirklichkeit annähern, steckt der nächste Irrtum. Vielleicht ist er kleiner, weniger bedeutsam, aber unvermeidlich. Jede gewonnene Erkenntnis verändert die Fragen, die wir an die Wirklichkeit stellen können. Dadurch werden Irrtümer sichtbar, die vorher gar nicht erkennbar waren. Der Irrtum ist kein Makel wirkt, sondern eine Folge des Lernens selbst. Je näher wir kommen, desto feiner werden die Unterschiede.

Und es geht nie um einen einzelnen Irrtum, sondern um Irrtümer aus verschiedensten Tätigkeitsbereichen. Lernen besteht nicht darin, Fehler wie mit einem Rotstift auszubessern. Ein lernendes Wesen bewegt sich gleichzeitig in vielen Bereichen. Es korrigiert Sachwissen, Begriffe, Verfahren, Gewohnheiten, Beziehungen, Einschätzungen, Ziele. Deshalb gleicht Lernen eher einer fortlaufenden Neuordnung als einer einzelnen Reparatur.

Nicht alle Irrtümer sind von gleich großer Bedeutung für die Annäherung an die Wirklichkeit. Nicht jeder Irrtum verlangt dieselbe Aufmerksamkeit. Ein Rechenfehler und ein Irrtum, der Menschen gefährdet, unterscheiden sich nicht nur quantitativ. Sie unterscheiden sich qualitativ.

Ein Unterscheidungskriterium für Irrtümer könnte zum Beispiel Verantwortung sein. Die Bedeutung einer Korrektur bemisst sich nicht nur nach der Größe des Irrtums, sondern nach seiner Verantwortung für die Wirklichkeit. Er verhindert zugleich Perfektionismus. Denn niemand kann alle Irrtümer gleichzeitig korrigieren. Urteilskraft muss unterscheiden. Gerade das macht sie aus.

Der Mensch muss dem Irrtum nicht erliegen, er kann ihn auch so frühzeitig entdecken, dass keine Folgen für ihn entstehen, also keine Korrektur notwendig ist. Das wäre ein Erfolg der Urteilskraft. Die Korrektur beginnt nicht erst nach dem Irrtum. Sie kann bereits in der Unterbrechung eines sich anbahnenden Irrtums bestehen.