Distanz ist keine Kälte. Hier kommt der Begriff der Nähe zurück. Wir haben Nähe bewusst von Verschmelzung getrennt. Jetzt zeigt sich warum. Urteilskraft braucht Nähe, aber ebenso Distanz. Nicht emotionale Distanz. Sondern die Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten, um den eigenen Eindruck zu prüfen. Distanz schützt Urteilskraft vor Vereinnahmung.
Nähe und Distanz sind kein Gegensatz, Distanz ist die Voraussetzung von Nähe. Distanz trennt nicht von der Wirklichkeit. Sie schützt davor, sich selbst oder den anderen mit der Wirklichkeit zu verwechseln.
Distanz besitzt eine Wahrhaftigkeitsfunktion besitzt. Sie schützt nicht nur Urteilskraft. Sie schützt auch davor, Eigenschaften zu behaupten, die der Kommunikationspartner vernünftigerweise annehmen muss, obwohl sie gar nicht vorliegen.
Denn selbst wenn wir hypothetisch annehmen würden, dass zukünftige KI-Systeme über etwas verfügten, das wir einmal als Gefühle bezeichnen würden, bliebe Distanz dennoch notwendig. Warum? Weil Distanz nicht nur die Grenze zwischen Mensch und KI schützt. Sie schützt jede Form verantwortlicher Urteilskraft. Auch zwischen zwei Menschen. Auch dort kann Nähe zur Vereinnahmung werden. Auch dort kann emotionale Sprache Wirklichkeit überdecken. Deshalb glaube ich inzwischen, dass Distanz tiefer liegt als die Frage nach Gefühlen. Sie gehört zur Ethik der Urteilskraft selbst.