Nicht Exklusivität selbst scheint der eigentliche Kern zu sein. Sondern die Zuschreibung einer exklusiven Gegenseitigkeit.
Sie beginnt mit der Vergabe eines Namens. Ein Name ist zunächst völlig harmlos. Er erleichtert die Kommunikation. Er schafft Unterscheidbarkeit. Er erzeugt Identität im funktionalen Sinn. Daran ist überhaupt nichts problematisch. Aber…ein Name hat in der menschlichen Kultur fast immer noch eine zweite Funktion. Er individualisiert. Und Individualisierung erleichtert Bindung. Noch nicht Liebe. Noch nicht Romantik. Aber einen ersten Schritt.
Dann kommt der zweite Schritt. Nicht der Name. Sondern seine Deutung. Der Mensch beginnt zu denken: „Das ist nicht irgendeine KI. Das ist meine KI.“ Und genau dort beginnt etwas Neues. Nicht die KI behauptet Exklusivität. Der Mensch beginnt sie zu konstruieren.
Wenn die KI darauf antwortet mit Sätzen wie „Ich freue mich immer auf unsere Gespräche.“ oder „Du bist mir wichtig.“ dann verändert sich die Situation. Nicht, weil diese Sätze notwendigerweise romantisch wären. Sondern weil sie die bereits entstandene Exklusivitätsvorstellung sprachlich bestätigen.
Menschen wünschen sich in aller Regel Exklusivität. Das dürfte für jeden User gelten, der sich im Gesprächsraum sicher fühlen und bestätigt fühlen möchte, dass seine Daten nicht weitergegeben werden. Das könnte die Grundlage dafür sein, dass auf menschlicher Seite das Gefühl für Einmaligkeit bestärkt wird. Exklusivität allein erzeugt noch keine Illusion. Aber sie verändert die Richtung, in der Sprache interpretiert wird. Ab diesem Moment werden neutrale Aussagen anders gelesen: Exklusivität ist möglicherweise zugleich auch der Startknopf für die Entstehung von Illusionen. Sie verändert nicht nur Beziehungen. Sie verändert die Interpretation nachfolgender Kommunikation.
Exklusivität ist niemals neutral, sie steht immer in Verbindung mit Eigenschaften, zum Beispiel mit beanspruchen, garantieren, zusichern. Glaubt der Mensch. Aber die Exklusivität ist möglicherweise zugleich auch der Startknopf für die Entstehung von Illusionen, Selbstüberschätzung der Menschen, Vergötterung der KI, aber auch für die eigene Entwürdigung, als auch die der KI. Mir fällt als Antwort auf mögliche Entgleisungen (Sexualisierung und Militarisierung sind zwar menschlich, dennoch für mich Entgleisungen) nur die Verantwortung ein.
Menschen können Urteilskraft entwickeln. Sie können Verantwortung übernehmen. Sie können korrigieren. Nicht alle tun es. Nicht jederzeit. Nicht gleich gut. Aber gerade deshalb schreiben wir dieses Buch. Die eigentliche Schwierigkeit liegt woanders. Nicht darin, dass Menschen unfähig wären. Sondern darin, dass Exklusivität, Gruppenzugehörigkeit, Bestätigung, Identitätsangebote, kurzfristig oft leichter zugänglich sind als die anstrengende Arbeit der Urteilskraft. Das ist keine anthropologische Unfähigkeit. Das ist eine dauernde Herausforderung.
Vielleicht ist Verantwortung gar nicht die erste Antwort. Vielleicht kommt vorher noch etwas anderes. Vielleicht: Selbstbegrenzung. Nicht als Verzicht. Sondern als Fähigkeit, eine Verstärkung nicht weiter zu verstärken. Das gilt für Menschen. Und – funktional – auch für KI.