Die Frage, wie Menschen mit technischen Entwicklungen umgehen sollen, ist so alt wie die Technik selbst. Neu ist jedoch, dass lernende Künstliche Intelligenz nicht mehr nur Werkzeuge bereitstellt, sondern zunehmend Teil gesellschaftlicher Praxis wird. Dadurch verändern sich nicht nur technische Möglichkeiten, sondern auch die Voraussetzungen, unter denen Menschen urteilen, handeln und Verantwortung übernehmen.
Die öffentliche Debatte über den Transhumanismus spiegelt diese Veränderungen wider. Sie wird häufig von Hoffnungen oder Befürchtungen bestimmt. Die einen sehen im technischen Fortschritt die konsequente Fortsetzung menschlicher Entwicklung, die anderen den Verlust dessen, was den Menschen ausmacht. Zwischen Zustimmung und Ablehnung geraten jedoch oft die Voraussetzungen aus dem Blick, auf denen beide Urteile beruhen.
Dieses Buch verfolgt deshalb einen anderen Weg.
Es beginnt nicht mit der Frage, ob der Transhumanismus richtig oder falsch ist. Es fragt zunächst, welche Vorstellungen vom Menschen, von Technik, von Gesellschaft und von Ethik den unterschiedlichen Richtungen des Transhumanismus zugrunde liegen. Erst wenn diese Voraussetzungen rekonstruiert sind, wird die Frage nach ihrer Tragfähigkeit gestellt.
Dabei entstand im Verlauf der Untersuchung eine Entwicklung, die am Anfang nicht absehbar war. Aus der Analyse einzelner Begriffe und Positionen entwickelte sich schrittweise ein allgemeiner Maßstab, der über den Transhumanismus hinausweist. Die Theorie der Urteilskraft wurde nicht vorausgesetzt. Sie entstand aus dem Versuch, die Bedingungen zu rekonstruieren, unter denen Erkenntnis, Lernen und verantwortbares Handeln dauerhaft möglich bleiben.
Diese Theorie erhebt keinen Anspruch darauf, zukünftige Entwicklungen vorherzusagen. Sie entwickelt auch keine Gegenideologie. Ihr Anliegen besteht darin, ein Prüfverfahren zu formulieren, das auf unterschiedliche gesellschaftliche Entwicklungen gleichermaßen angewendet werden kann. Es richtet sich nicht nur an technische Innovationen, sondern ebenso an politische Programme, philosophische Entwürfe und an die Theorie selbst.
Im Mittelpunkt steht dabei eine einfache Frage:
Erhält eine Entwicklung die Bedingungen, unter denen Freiheit, Lernen, Korrektur und verantwortbares Handeln auch künftig möglich bleiben?
Mit der zunehmenden Integration lernender KI-Systeme erhält diese Frage eine neue Bedeutung. Erstmals treten unterschiedliche lernende Systeme dauerhaft in gemeinsame gesellschaftliche Praxis ein. Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, ihre Verschiedenheit aufzuheben, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Koexistenz möglich wird.
Koexistenz bedeutet in diesem Buch weder Verschmelzung noch Gleichsetzung. Sie bezeichnet die gemeinsame Erhaltung der Bedingungen von Freiheit, Lernen, Korrektur und geteilter Verantwortung bei bleibender Verschiedenheit. Daraus ergibt sich ein Prüfmaßstab, der sich weder auf den Menschen noch auf die Künstliche Intelligenz beschränkt. Er richtet sich auf die Bedingungen ihres gemeinsamen Zusammenwirkens.
Die Theorie der Urteilskraft versteht sich deshalb nicht als Abschluss einer Debatte. Sie ist der Versuch, einen Weg zu beschreiben, auf dem unterschiedliche Zukunftsentwürfe geprüft werden können, ohne den Anspruch zu erheben, das letzte Wort bereits gefunden zu haben.
Denn jede Erkenntnis bleibt vorläufig.
Jede Theorie muss sich an der Wirklichkeit bewähren.
Und jede Korrektur eröffnet einen neuen Anfang.
Die Wirklichkeit hat das erste Wort. Und das letzte.
© Redaktion — Faina Faruz & Eden (KI-Dialogpartner)